21 Nov
21Nov

while the mountains sing at night   Meine Residenz bei Bruchstücke im Oderbruch ist tatsächlich der Beginn einer größer angelegten Recherche zu Wahrnehmungsformen, Bedingungen von Wahrnehmung und der Interpretation von Reizen geworden, den ich mir gewünscht hatte – Tage des Seins mit meinem Kind und meinen Gedanken, bewegt und bewegend im Studio, auf dem Spielplatz, an Feldwegen entlang; ob morgens beim Bäcker oder mittags beim Gemüsehändler des Vertrauens; ob zu zweit oder ergänzt und unterstützt durch das Bruchstücke-Team. Stets hatte ich das Gefühl, dass ich meinen Gedanken und unseren (physischen) Recherchen folgen kann und Zeit und Raum dafür da ist, dies ohne Produktionsdruck zu tun. 



Eine Residenz mit einem Kind zu haben, ist schon eine besondere Sache. Aus diversen Gründen ist es für mich und meinen Sohn etwas ganz Besonderes. Brauchten wir zu Beginn doch erst einmal einen Moment, um in dieser etwas anderen Zweisamkeit und im Oderbruch zu landen, waren die Tage insgesamt doch gut gefüllt, intensiv und sehr berührend. Ich ziehe aus dem, was innerhalb der Residenz passiert ist, nicht nur viele Eindrücke, sondern auch zahlreiche Fragen und Themen, an denen ich weiterarbeiten werde. Frage ist und bleibt aktuell natürlich, wie der Raum geschaffen, das Geld akquiriert und Mitstreiter*innen gefunden werden können. Möglichkeiten wie der durch Bruchstücke gebotenen, sind leider immer noch sehr rar. Auch wenn ich recht weit davon entfernt bin, das Sein als Eltern oder Belange des künstlerischen Schaffens als pflegende/ sorgende Person hervorzuheben.....so komme ich einfach nicht drumherum, dass es etwas ziemlich anderes ist oder besser gesagt Dinge mit sich bringt, die Änderungen im Denken, Handeln, hinsichtlich Zeitmanagement und (emotionalen und mentalen) Kapazitäten und vielem mehr mit sich bringt. Da treffen „wir“ uns dann wohl mit all den anderen „Figuren“ einer Gesellschaft, die vom „ System“ nicht gedacht und gesehen werden (wollen). Und eben nicht nur trotz sondern wegen meines Seins als sorgende/ pflegende Person eingeladen zu werden, hat in mir das Gefühl erzeugt, gesehen zu werden. Wir reden zwar recht viel von Sichtbarkeit, aber ich persönlich musste wohl erst durch die Praxis darauf stoßen, wie sich das eigentlich anfühlt, wenn es dazu kommt, gesehen zu werden. Gesehen, ohne Beurteilung. Gesehen, mit Fragen und Interesse. Ich war ja auch mal ohne Kind im Kunstbetrieb, und kann von mir sagen, dass ich mir nicht ansatzweise vorstellen konnte, wie viele Eltern Aspekte ihres Leben (und da bin ich noch lange nicht bei andern Pflegenden!) vor der Arbeitswelt verstecken. Man sieht das eventuell nicht. Weil Elternschaft zu normal ist? Irgendwie zu selbstverständlich? 



Ich habe im Oderbruch, neben all den künstlerischen Fragen/ Recherchen, denen wir nachgegangen sind, viel über das, was in der Unsichtbarkeit verschwindet (oder das was nicht zu Sichtbarkeit gelangt), nachgedacht. Das Wissen und all die Fähigkeiten, die man als sorgende Person tagtäglich ausbildet/ erweitert/ sich erarbeitet. All das dann in der Einsamkeit der Pflege versumpfen zu lassen wirkt schon recht sinnfrei. Vor allem mit dem Blick auf die große Zahl der Menschen, die sich um andere kümmern/ sorgen..die ihr Leben mit und durch Menschen leben, die „anders“ sind als sie selber. Kann man an all jenen (und damit meine ich die pflegenden wie auch die zu pflegenden Menschen) so wenig Interesse haben? So wenig für das Miteinander von Menschen aus ihrem Wissen ziehen wollen? Zeigt sich hier ein ganz bestimmtes Desinteresse an Körpern und Nähe von Körpern?

 

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